Neue Straßenbahn, neue Internetpräsenz, neuer Slogan

Neue Straßenbahn, neue Internetpräsenz, neuer Slogan

Ungelesener Beitragvon Maik Thomaß » 12.04.2016, 16:34

Neue Straßenbahn, neue Internetpräsenz, neuer Slogan

Rostock. Mittwoch war es soweit, die neuen Straßenbahnen des Typs 6N2 wurden der Öffentlichkeit präsentiert und zeitgleich in Dienst gestellt. Aber nicht nur die Straßenbahnen sind neu, am selben Tag gab es ein Facelifting beim Internetauftritt und einen neuen Slogan.

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Niederflurstraßenbahn 6N2. Foto: Maik Thomaß

Der neue Slogan "Zuhause unterwegs" löst den alten Slogan "Wir bewegen Rostock" ab. Es musste nach gut zwölf Jahren ein neuer Spruch her, denn viele andere Städte in Deutschland haben ähnliche oder gleiche Sprüche. Was könnte "Zuhause unterwegs" bedeuten? Ist es der Gang vom Wohnzimmer in die Küche, dann bin ich "Zuhause unterwegs"? Nein. Die Erfinder des neuen Spruchs sehen Rostock als "Zuhause" an und dort kann man ja auch "unterwegs" sein. Ob sich dieser neue Slogan so gut bewährt, bleibt jedoch abzuwarten.
Ein Hauptteil der Vorstellung aller Neuerungen am Mittwoch war die Vorstellung des Internetauftrittes. Bis fast ins kleinste Detail und ziemlich langatmig wurden die größten neuen Errungenschaften von drei Mitwirkenden erläutert. So wurde das neue Konzept, die Zusammenarbeit nicht nur mit "Rebus" und der "Deutschen Bahn", sondern auch mit "-Scandlines" und einem dänischen Busunternehmen aufgezeigt. So könnte man sich jetzt eine Direktverbindung von Warnemünde nach Kopenhagen raus suchen und zeitgleich sehen, ob alle Verkehrsmittel pünktlich, überpünktlich oder mit Verspätung fahren. Dieses Konzept gibt es schon bei der Deutschen Bahn, nun auch bei der RSAG. Eine grüne "+0" bedeutet, das Verkehrsmittel ist pünktlich. Eine rote "+7" zeigt dagegen eine Verspätung von sieben Minuten an. Somit kann ich mir, bei einer Verspätung noch Zeit lassen, bevor ich zur Straßenbahn oder zum Bus gehe.

Ganz wichtig ist die Darstellung der Seite auf allen gängigen Endgeräten, wie Desktop-PC, Smartphone, Tablet oder Handy. Somit wird der Nutzer noch abhängiger von seinem mobilen Endgerät und, ich möchte es nicht beschwören, die Gefahr durch Unfälle aufgrund Unaufmerksamkeit steigen. Zu diesem Thema gibt es demnächst noch mehr. Kommen wir zurück zur Webseite. Die Vorgängerversion zeichnete sich durch eine strukturierte Menüführung aus. So gab es links ein Menü und rechts die einzelnen aufgerufenen Seiten. Wer sich jahrelang an dieses Aussehen gewöhnt hat, muss sich nun umstellen. Oben ein paar Menüpunkte, die durch aufklappen weitere neue Menüpunkte hervorzaubern. Im Zeitalter der Modernität für mich persönlich zu unübersichtlich. Aber das ist ja auch Geschmackssache, denn die sind bekanntlich unterschiedlich.

Kommen wir nun zum Hauptteil, den auch die Rostockerinnen und Rostocker interessiert. Nachdem es ja zahlreiche Verschiebungen bei der Einführung der neuen Straßenbahnen gab, seien es Lieferprobleme oder technische Probleme, kam die Straßenbahn am ersten Tag gleich einmal zu spät. Der Grund war aber nicht die Straßenbahn, sondern unser Infrastrukturminister Christian Pegel, der mit Verspätung an der Einweihung eintraf. So begann alles bereits mit Verspätung und eine halbe Stunde, gefühlt deutlich länger, wurde über die neue Webseite gesprochen. Zum Schluss hatte dann noch unser Oberbürgermeister Roland Methling das Wort und begann natürlich wieder mit seinen Lieblingsspiel: Zahlen jonglieren.

Dann ging es endlich los. Symbolischer Banddurchschnitt, schön gestellt für die Presse. Nun hieß es Türen auf und einsteigen. Draußen mild und Regen, drinnen trocken und schockgefrostet. Da hat wohl jemand die Klimaanlage vergessen auszuschalten. Nach dem kleine Kälteschock kam dann die Ernüchterung. 35 Zentimeter mehr in der Breite machten sich nicht so sehr bemerkbar. Dafür das reichliche Stehangebot auf der zukünftig hauptsächlich auf der Linie 1 verkehrenden "Neuen". Nur als Nebeninfo, die längste Straßenbahnlinie Rostocks mit gut 50 Minuten Fahrzeit. Bei den Sitzplätzen wurde, gegenüber der Vorgängerin der "6NGTWDE", eingespart. 10 Sitzplätze weniger, dafür gut doppelt so viele Stehplätze.

Der Innenbereich ist in sechs Zonen aufgeteilt: zwei Ruhebereiche und vier Multifunktionsbereiche. Letztere zeichnen sich durch eine breite gelbe Markierung am Boden und durch einen rötlich-orangen Himmel aus. Hier ist genügend Platz für Rollator- und Rollstuhlfahrer, Kinderwagen und Fahrradbesitzer. Neu sind zwei durchgängige Lichtleisten, basierend auf LED-Technik und der Einstieg an allen Türen ohne Stufen, somit barrierefrei. Die Türen wirken im ersten Moment breit, sind aber beim genaueren Betrachten nicht wirklich breiter, als beim Vorgänger. Neu sind auch in der Fahrgastinformation die LCD-Monitore, die die nächsten Haltestellen und die Fahrzeit bis dahin zeigen. Neu ist es nicht, denn auch in den neuesten Bussen gibt es diese Anzeigen schon. Allerdings bleibt die Frage der Innovativität, denn wer eine Sehschwäche hat, wird die kleinere Schrift kaum lesen können. Vorher waren auf LED-Technik basierende Fahrgastinformation mit fast den selben Funktionen gut lesbar angebracht. Aber auch hier lässt sich streiten. Bei den gut 2 Millionen Euro teuren Bahnen wurde aber auch bei der Fahrgastinformation gespart. Die Lautsprecheranlage basiert auf "billigen" Breitbandlautsprechern. Wenn ein Fahrer eine Information an die Fahrgäste weitergibt, dann hört es sich einfach nur fürchterlich an.

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Innenraum der 6N2. Foto: Maik Thomaß

Worauf bei allen Vorgängerversionen der Straßenbahnen Wert gelegt wurde: deutlich sichtbare und hörbare Abfahrtssignale. Deutlich sichtbar durch helle gelb-orange blinkende Lampen und hörbar durch einen lauten akustischen Signalton. In der "Neuen" wurden die Hinweisleuchten versenkt und sind somit nicht mehr gut sichtbar. Das Abfahrtssignal ist zudem auch zu leise. Hörgeschädigte werden es kaum bis gar nicht hören. Da bleibt nur die Aufmerksamkeit Richtung versenkte Abfahrtssignalleuchten.
Die Höhe des Fahrgastraums scheint auch etwas geschrumpft zu sein. Ein 1,9 Meter großer Mensch kommt schon fast an die Decke. Vollkommen isoliert ist die neue Straßenbahn. Angefangen bei den Fenstern bis hin zum Boden, was die Fahrgeräuschentwicklung im Fahrgastraum deutlich abmindert. Neu ist auch die Klimaanlage. Die Luft wird ab 18 Grad Außentemperatur im Innenraum auf das selbe Niveau abgesenkt und zeitgleich getrocknet. Damit dürften dann die lästigen beschlagenen Scheiben der Vergangenheit angehören. Was mir persönlich auffiel: Im Stand gab es die ganze Zeit Vibrationen. Derartige gab es weder bei der Vorgängerin, noch bei den alten Tatrabahnen. Woher das Vibrieren rührt, bleibt ungewiss.

Eine Reporterin war gerade in einem interessanten Gespräch, das ich mit großem Interesse verfolgte. Sie sprach mit zwei Mitarbeitern der Herstellerfirma. Eine Frage lautete, was neu an den Straßenbahnen wäre. Ganz innovativ und neu sei, so einer der Mitarbeiter, dass die Fahrmotoren als Generatoren beim Bremsen eingesetzt werden. Neu? Nein. Das gab es auch bei der "6NGTWDE". Der einzige Unterschied: Während bei der "6NGTWDE" der beim Bremsen entstehende Strom zurück in die Fahrleitung gespeist wurde, und hier von anderen Bahnen als Fahrstrom genutzt werden konnte, wird bei der "Neuen" der Bremsstrom in großen Akkus gespeichert und wieder zum Anfahren genutzt. Eine weitere Frage der Reporterin lautete, wie die Energiebilanz der neuen Bahnen wäre. Darauf hatten die Mitarbeiter der Herstellerfirma keine Antwort. Natürlich durch das Speichern der Energie und das Nutzen dieser zum Anfahren, werden Stromspitzen im Netz eingespart. Aber was ist mit der ständig laufenden Klimaanlage? Diese könnte die Energieeinsparbilanz ganz stark nach unten drücken. Bei der Vorgängerstraßenbahn wurde auf Klimaanlagen verzichtet. Grund dafür waren die zu kurzen Haltestellenabstände. Einzig der Fahrerplatz war klimatisiert. Eine Antwort machte der beiden Mitarbeiter mich noch stutzig. Sie meinten, dass es von der Bundesregierung neue Vorgaben gab, was Straßenbahnen angeht. Darum wären die neuen Bahnen gut zwei Meter länger und 10 Tonnen schwerer als ihre Vorgänger. Aber ist es wirklich im Sinne des Umweltschutzes, etwas deutlich schwereres mit noch leistungsstärkeren Motoren auf die Schiene zu setzen, statt leichtere Technik mit geringeren Leistungen einzusetzen. Entweder hat die Bundesregierung was verschlafen oder die spanische Herstellerfirma etwas falsch verstanden. Mehr Gewicht braucht mehr Energie, um dieses Gewicht in Bewegung zu setzen. Das ist reinste Physik der fünften Klasse.

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Niederflurstraßenbahn 6N2. Foto: Maik Thomaß

Alles in Allem kann man sagen, dass die neuen Straßenbahnen ein Hingucker sind und die Aufmerksamkeit, zumindest in der Anfangszeit, auf sich ziehen werden. Neben den aufgefrischten Farben besticht sie durch ihr neues Design. Verbesserungen könnten noch vorgenommen werden, besonders in Anbetracht der sehr hohen Anschaffungskosten pro Bahn von rund zwei Millionen Euro. Zum Vergleich, die "6NGTWDE" kostete seinerzeit zwei Millionen Mark pro Stück. In den kommenden Jahren wird sich dann zeigen, ob sich die Investitionen in die Zukunft wirklich gelohnt haben, oder ob die "Neuen" mehr Geld aus der Tasche ziehen, als sie einbringen.

Text: Maik Thomaß
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